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Seminar 5

🎓 das letzte Seminar

Schreiben, Software-IP & Abschluss

Masterseminar IKT
Prof. Dr. Alexandra Mikityuk
HTW Berlin

Wissenschaftlicher Stil · Schreibblockade lösen · Software-IP & Lizenzen · Reflexion

Rückblick — wo wir in Seminar 4 standen

In Seminar 4 ging es um Struktur (Aufbau der Masterarbeit, roter Faden), Tools (LaTeX/Overleaf, Zotero) und die Verteidigung als geistige Arbeit — Gliederung ≠ Präsentation: selektieren, abstrahieren, narrativ bauen, den eigenen Beitrag herausarbeiten.

📌 Eure Hausaufgabe aus Seminar 4 war

  1. Gliederung finalisieren + im LaTeX-Projekt anlegen
  2. Zotero einrichten + 20 Quellen erfassen
  3. 12-Folien-Skizze der Verteidigung
Brücke zu heute: Ihr habt Struktur, Tools und einen Plan für die Verteidigung. Was fehlt? Der TEXT selbst. Heute: vom leeren Blatt zur ersten Seite — und der rechtliche Abschluss.

Themen heute

Teil 1 — Schreiben

  • Wissenschaftlicher Stil auf Master-Niveau
  • Die Schreibblockade verstehen & lösen
  • Vom Rohtext zum guten Absatz
  • KI beim Schreiben — erlaubt oder Täuschung?
  • Eigenarbeit: Freewriting

Teil 2 — Software-IP & Abschluss

  • Wem gehört euer Code?
  • Open-Source-Lizenzen
  • Lizenz-Kompatibilität
  • Datenschutz & sensible Daten
  • Abgabe-Checkliste + Reflexion
Format: zwei Teile, eine Pause, zwei Eigenarbeit-Phasen + eine Reflexion. Und: das ist unser letztes Seminar — am Ende ziehen wir gemeinsam Bilanz.

Was heißt wissenschaftlich schreiben (auf Master-Niveau)?

📐 Alltagsanalogie — die Spezifikation

Wissenschaftliches Schreiben ist wie eine technische Spezifikation, kein Roman. Niemand soll mitfiebern — alle sollen verstehen, nachvollziehen, überprüfen können.

Ziel: Klarheit, Präzision, Nachvollziehbarkeit — nicht Spannung oder schöne Sprache um ihrer selbst willen.

🔬 Vier Eigenschaften guten wiss. Texts

  • sachlich — nüchtern, nicht werbend
  • präzise — exakt statt vage
  • belegt — jede Behauptung mit Quelle/Daten
  • argumentierend — nicht nur beschreibend
Der Master-Twist: Im Bachelor habt ihr oft berichtet („so habe ich es gemacht"). Im Master müsst ihr argumentieren und einordnen — Ergebnisse bewerten, gegen die Literatur stellen, Grenzen benennen.

Die goldenen Regeln des wiss. Stils

Präzise statt vage

✗ „deutlich schneller"

✓ „um Faktor 2,3 schneller (p<0,01)"

Jede Behauptung belegen

✗ „Argon2 ist sicherer."

✓ „Argon2 gilt als sicherer [Biryukov et al. 2016]." — Quelle oder eigene Daten

Sachlich statt wertend

✗ „ein erschreckend schlechtes Verfahren"

✓ „ein Verfahren mit messbar höherer Fehlerrate"

Ein Gedanke pro Absatz

Ein Absatz = eine Idee. Roter Faden: jeder Absatz knüpft an den vorherigen an.

Fachbegriffe einführen

Beim ersten Mal definieren, danach konsistent denselben Begriff nutzen — nicht abwechseln.

⚠️ Do / Don't

Meidet Umgangssprache, Füllwörter, Bandwurmsätze. Aktiv ist oft klarer als verschachteltes Passiv — mit Betreuer:in absprechen.

Die Schreibblockade — warum das leere Blatt lähmt

🖊️ Alltagsanalogie — das leere Whiteboard

Das leere Blatt ist wie ein leeres Whiteboard vor einem wichtigen Review: alle schauen euch an, ihr wisst, es muss gut werden — und genau deshalb fängt die Hand nicht an zu schreiben.

Die Lähmung kommt nicht vom Nicht-Wissen, sondern vom Druck, sofort perfekt zu sein.

🧱 Die 3 Hauptursachen

  • Perfektionismus — der erste Satz soll schon der finale sein
  • Unklare Gliederung — ihr wisst nicht, was hier eigentlich hin soll
  • Schreiben & Überarbeiten gleichzeitig — Gas und Bremse zusammen
Master-Realität: Bei euch kommt oft der Industrie-Spagat dazu — wenig Zeit, am Abend nach dem Job die Energie weg. Die Blockade ist dann nicht Faulheit, sondern eine reale Ressourcenfrage. Die Techniken auf der nächsten Folie sind genau dafür gemacht.

Techniken gegen die Blockade

Shitty First Draft

Erst schreiben, später schön machen. Ein hässlicher Rohtext schlägt jede leere Seite.

Pomodoro 25/5

25 Min fokussiert schreiben, 5 Min Pause. Der Timer nimmt den Druck — es sind ja nur 25 Min.

Von der Mitte beginnen

Nicht mit der Einleitung anfangen — startet im Kapitel, das ihr am besten kennt (oft Methodik/Implementierung).

Freewriting

X Minuten ohne Stopp, ohne Löschen, ohne Zurückscrollen. Hand bewegt sich = Blockade durchbrochen.

Tagesziele in Wörtern

„Heute 300 Wörter" ist messbar und erreichbar — „heute am Kapitel arbeiten" nicht.

Schreiben ≠ Überarbeiten

Trennt die zwei Modi strikt. Erst der ganze Rohtext, dann überarbeiten — nie gleichzeitig.

Für Berufstätige: feste kleine Slots (3× 45 Min/Woche) schlagen seltene Marathon-Sessions am Wochenende — die fallen nämlich verlässlich aus.

Anatomie eines guten Absatzes + Überarbeiten in Schichten

🧩 Der gute Absatz

  • Topic Sentence — die Kernaussage zuerst
  • Beleg / Beispiel — Daten, Quelle, konkreter Fall
  • Erklärung / Einordnung — was heißt das, warum relevant?
  • Übergang — Brücke zum nächsten Absatz

Wenn ein Absatz nicht in dieses Muster passt, gehört er meist geteilt.

🪜 Überarbeiten in 4 Schichten

  1. Inhalt & Argumentation — stimmt die Aussage?
  2. Struktur & roter Faden — Reihenfolge logisch?
  3. Sprache & Stil — präzise, sachlich?
  4. Formales — Zitate, Tippfehler, Abbildungen

Nie alles gleichzeitig — eine Schicht pro Durchgang.

Warum von oben nach unten? Es ist sinnlos, einen Satz sprachlich zu polieren, den ihr in Schicht 1 ohnehin streicht.

KI beim Schreiben — erlaubt oder Täuschung?

Erlaubt — mit Augenmaß

  • Rechtschreibung & Grammatik prüfen
  • Eigene Gedanken umformulieren lassen
  • Brainstorming von Struktur / Gliederung
  • Verständnisfragen zu einem Konzept

Riskant — bis Täuschung

  • Ganze Absätze generieren & als eigene ausgeben
  • Auf erfundene Quellen vertrauen (Halluzinationen!)
  • Inhalte übernehmen, die ihr selbst nicht versteht
Regel: Seid transparent — Prüfungsordnung & Betreuer:in fragen, in der eidesstattlichen Erklärung angeben. Master-Hinweis: Ihr müsst jeden Satz eurer Arbeit fachlich verantworten und in der Verteidigung erklären können.
⏱️ 20 Minuten · still — Freewriting

✍️ Eigenarbeit 1: Vom leeren Blatt zur ersten Seite

Wir durchbrechen die Blockade jetzt — direkt an eurer Arbeit. Sucht euch einen Abschnitt aus, den ihr inhaltlich schon kennt.

15 Min — Freewriting:

  • Schreibt an einem Abschnitt eurer Arbeit
  • Ohne Löschen, ohne Überarbeiten — Ziel ist Rohtext, nicht Schönheit
  • Stockt es? Schreibt „mir fällt gerade nichts ein, weil…" — und schreibt weiter

5 Min — formen:

  • Nehmt EINEN Absatz aus eurem Rohtext
  • Formt ihn nach der Absatz-Anatomie: Topic Sentence → Beleg → Erklärung → Übergang

Tipp: Timer stellen, Internet aus, nicht zurückscrollen.

Pause

15 Minuten

Steht auf, lauft kurz raus, holt euch was zu trinken. Im zweiten Teil: wem gehört eigentlich euer Code — und was dürft ihr überhaupt veröffentlichen?

Teil 2

Software-IP & Abschluss

Euer Code und eure Daten sind nicht rechtsfrei. Gerade im Industrie-Kontext (Arbeitgeber, NDAs) entscheidet das darüber, was am Ende in der Arbeit landen und was öffentlich werden darf.

Was wir klären: wem der Code gehört · Open-Source-Lizenzen · Lizenz-Kompatibilität · Datenschutz · die Abgabe-Checkliste — und am Ende: Reflexion über alle fünf Seminare.

Wem gehört euer Code?

🛠️ Analogie — Code ist ein Werk

Code schreiben heißt ein Werk schaffen — wie ein Text oder ein Foto. In dem Moment, in dem ihr es schreibt, entsteht automatisch Urheberrecht. Niemand muss es anmelden.

⚖️ Was das konkret heißt

In DE habt ihr als Urheber:in das Urheberrecht an eurem Code. ABER: Verwertungsrechte können woanders liegen — gerade wenn Thema/Code beim Arbeitgeber entstehen (Arbeitsvertrag, NDA).

Für euch besonders relevant: Wenn ihr im Job an eurem Thema arbeitet, können Arbeitsvertrag, NDA oder Verwertungsrechte greifen. Empfehlung: früh — und schriftlich — mit Arbeitgeber und Betreuer:in klären, was in die Arbeit darf und was veröffentlicht werden kann.

Open-Source-Lizenzen — der Überblick

Eine Lizenz sagt: was dürfen andere mit eurem Code tun? Zwei große Familien:

🟢 Permissiv

MIT · Apache 2.0 · BSD

  • Fast alles erlaubt — nutzen, ändern, verkaufen, schließen
  • Einzige Pflicht: Namensnennung / Lizenztext beilegen
  • Apache 2.0 bringt zusätzlich Patentschutz mit

Beliebt, wenn ihr maximale Verbreitung wollt.

🔴 Copyleft

GPL · AGPL

  • Ableitungen müssen offen bleiben — gleiche Lizenz
  • „Viral": wer euren Code einbaut, muss seinen auch offenlegen
  • AGPL greift sogar bei Nutzung über das Netz (SaaS)

Schützt Offenheit — schränkt kommerzielle Nutzung ein.

Der häufigste Fehler: KEINE Lizenz = alle Rechte vorbehalten. Ein öffentliches Repo ohne LICENSE darf niemand legal nutzen, kopieren oder forken. „Public" heißt nicht „frei".

Lizenz-Kompatibilität — die Dependency-Falle

⚠️ Das Problem

Eure Lizenz hängt nicht nur von euch ab, sondern auch von euren Abhängigkeiten. Eine einzige GPL-Bibliothek kann eure ganze Veröffentlichung unter GPL zwingen.

📦 Beispiel-Szenario

Ihr wollt euer Tool unter MIT veröffentlichen. Ihr bindet aber eine GPL-Bibliothek ein → euer Tool gilt als Ableitung → ihr müsst es ebenfalls unter GPL stellen. Die geplante MIT-Lizenz ist rechtlich nicht mehr möglich.

🔍 Tools zum Prüfen

  • pip-licenses (Python)
  • license-checker (npm)
  • SPDX — standardisierte Lizenz-IDs
Regel: Lizenzen aller Dependencies prüfen, bevor ihr das Repo öffentlich macht — nicht danach.

Datenschutz & sensible Daten

Bei empirischen Daten — Umfragen, Interviews, Firmendaten — gelten klare Regeln:

  • Einwilligung der Teilnehmer:innen einholen (schriftlich)
  • Anonymisierung vor jeder Auswertung
  • KEINE personenbezogenen Rohdaten oder Firmendaten ins öffentliche Repo

📜 DSGVO

Personenbezogene Daten unterliegen der DSGVO — Zweckbindung, Datenminimierung, Löschkonzept. Anonymisierte Daten fallen raus, pseudonymisierte nicht.

🔒 NDA

Firmendaten sind oft durch NDA geschützt. Klärt früh, was in die Arbeit darf — ggf. nur ein gesperrter Anhang oder anonymisierte Zahlen.

Relevant für fast alle: Die meisten eurer Themen kommen aus der Industrie — Datenschutz & NDA betreffen euch also fast garantiert.
⏱️ 15 Minuten · Pair + Plenum

⚖️ Eigenarbeit 2: Lizenz- & IP-Check eurer Arbeit

8 Min — alleine, beantwortet für eure Arbeit:

  1. Wem gehört euer Code — Arbeitgeber oder frei?
  2. Welche Dependencies nutzt ihr, und welche Lizenzen haben sie?
  3. Was dürft ihr veröffentlichen, was nicht?

7 Min — zu zweit: tauscht euch aus, deckt blinde Flecken auf.

Mini-Quiz zwischendurch:

  • Repo ohne LICENSE-Datei — darf man es nutzen? (Nein, alle Rechte vorbehalten.)
  • MIT-Tool bindet GPL-Lib ein — welche Lizenz gilt? (GPL — viral.)
  • SaaS nutzt AGPL-Code intern — offenlegen? (Ja, AGPL greift über das Netz.)

Vor der Abgabe — die Checkliste

📝 Inhalt & Form

  • Eidesstattliche Erklärung unterschrieben
  • Plagiats-Selbstcheck durchgeführt
  • Alle Quellen im Literaturverzeichnis
  • Abbildungen/Tabellen nummeriert & beschriftet
  • Sprache/Stil-Durchgang gemacht
  • Formvorgaben der HTW (Umfang, Ränder, Schrift)

📦 Abgabe & Code

  • Abgabeformat & Frist geprüft
  • Code-Repo + LICENSE + README
  • Ggf. Freigabe durch Arbeitgeber eingeholt
  • Druck-/PDF-Exemplare vorbereitet
Tipp: Diese Liste mindestens eine Woche vor der Frist durchgehen — Drucken, Binden und Freigaben dauern erfahrungsgemäß länger als gedacht.

Die Roadmap bis zur Abgabe

Schreiben fertigstellen in Schichten überarbeiten Korrektur lesen lassen Formales & Checkliste Repo + Lizenz aufräumen abgeben Verteidigung üben

Und denkt dran: Die 12-Folien-Skizze der Verteidigung aus Seminar 4 holt ihr nach der Abgabe wieder hervor — dann habt ihr den Kopf frei für die Präsentation eures Beitrags.

Das wirkt nach viel — aber ihr habt in den letzten vier Seminaren jeden einzelnen dieser Schritte schon vorbereitet. Ihr seid weiter, als es sich gerade anfühlt. 💪

⏱️ 15 Minuten · still + Plenum

🌱 Reflexion: Was nehmt ihr mit?

Bevor wir abschließen, nehmt euch einen Moment für euch selbst — ehrlich, nur für euch.

8 Min — alleine:

  1. Was war meine größte Erkenntnis aus den fünf Seminaren?
  2. Wo stehe ich gerade mit meiner Arbeit?
  3. Was ist mein nächster konkreter Schritt?

7 Min — Plenum: wer mag, teilt eine Erkenntnis oder den nächsten Schritt. Kein Zwang — aber oft hilft es, es laut auszusprechen.

Was ihr in 5 Seminaren gelernt habt

SeminarSkill
S1Wissenschaftliches Arbeiten — die Grundhaltung
S2Niveau-Sprung & Forschungsfrage formulieren
S3Methodik & die Forschungs-Community finden
S4Struktur, Tools & Verteidigung
S5Schreiben, IP & Abschluss
Der rote Faden: von der Industrie-Idee zur verteidigungsreifen Masterarbeit. Ihr habt jeden Baustein in der Hand — jetzt geht es ans Zusammensetzen.

Take-aways aus heute

✍️ Teil 1 — Schreiben

  • Wiss. Stil = sachlich, präzise, belegt, argumentierend — wie eine Spezifikation.
  • Die Blockade besiegt man mit Rohtext, Pomodoro & festen kleinen Slots.
  • Schreiben ≠ Überarbeiten — und Überarbeiten in 4 Schichten.
  • KI: erlaubt mit Augenmaß, transparent, jeden Satz selbst verantworten.

⚖️ Teil 2 — IP & Abschluss

  • Euer Code hat automatisch Urheberrecht — aber Arbeitgeber/NDA können greifen.
  • Permissiv vs. Copyleft — und kein LICENSE = alle Rechte vorbehalten.
  • Eine GPL-Dependency kann eure ganze Veröffentlichung binden — vorher prüfen.
  • Datenschutz & Checkliste ernst nehmen — eine Woche vor Frist.
🎓

Viel Erfolg mit eurer Masterarbeit!

Es war mir eine echte Freude, euch über diese fünf Seminare zu begleiten. Ihr seid aus der Industrie gekommen, mit echten Problemen — und geht jetzt mit dem Handwerkszeug, daraus wissenschaftliche Arbeiten zu machen. Glaubt an euren Beitrag, schreibt mutig den Rohtext, und vergesst nicht: eine fertige Arbeit ist besser als eine perfekte, die nie fertig wird.

Prof. Dr. Alexandra Mikityuk
HTW Berlin · Büro Raum 308
Meine Sprechstunden stehen euch bis zur Abgabe offen — kommt vorbei!

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