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Seminar 4

Struktur, Tools & Verteidigung

Masterseminar IKT
Prof. Dr. Alexandra Mikityuk
HTW Berlin

Aufbau der Masterarbeit · LaTeX · Zotero · die Verteidigung als geistige Arbeit

Rückblick — wo wir in Seminar 3 standen

🧪 Teil 1 — Methodik

Methode vs. Methodik vs. Methodologie · die 6 wichtigsten Methoden · Frage zuerst, Methode danach.

🗺️ Teil 2 — vom Job-Thema zur Forschung

Die Brücke vom Industrie-Problem zur Forschungsfrage · 3 Linsen · Snowball-Suche · eure Forschungs-Community.

📋 Eure Hausaufgabe aus Seminar 3 war:

(1) Methoden-Wahl finalisieren + Begründung · (2) Methodenkapitel-Skizze (6 Bausteine) · (3) Forschungs-Nachbarschaft: 5 Seed-Papers + 2 Konferenzen + 3 Key-Autor:innen · (4) Lücken-Satz schärfen.

Wo wir jetzt sind: Ihr wisst jetzt WAS ihr untersucht und WIE — heute geht's um die FORM (Struktur + Tools) und am Ende: wie ihr eure Arbeit später VERTEIDIGT.

Themen heute

Teil 1 — Struktur & Tools

  • Der Aufbau einer Masterarbeit
  • Der rote Faden — jedes Kapitel beantwortet eine Frage
  • LaTeX-Setup (Overleaf) — warum & wie
  • Literaturmanagement mit Zotero + BibTeX

Teil 2 — Die Verteidigung

  • Was die Verteidigung wirklich ist
  • Warum die Gliederung NICHT die Präsentation ist
  • Was in die Folien gehört
  • Die geistige Arbeit dahinter
  • Eigenarbeit: eure 12-Folien-Skizze
Format: zwei Teile, eine Pause in der Mitte, zwei Eigenarbeit-Phasen — eine pro Teil. Bringt eure Gliederung + Methodik aus Seminar 3 in greifbarer Form mit.

Der Aufbau einer Masterarbeit

Die klassische Struktur einer Informatik-Masterarbeit — ein Fluss von der Frage zur Antwort:

Titel / Abstract  →  1. Einleitung (Motivation · Forschungsfrage · Beitrag · Aufbau)  →  2. Stand der Forschung / Related Work  →  3. Methodik  →  4. Konzept / Design  →  5. Implementierung  →  6. Evaluation / Ergebnisse  →  7. Diskussion  →  8. Fazit & Ausblick  →  Literatur · Anhang · Eidesstattliche Erklärung

Master vs. Bachelor: mehr und kritischeres Related Work · eine explizite Diskussion (nicht nur Ergebnisse berichten, sondern einordnen) · ein klar benannter eigener Beitrag. Im Master reicht „funktioniert" nicht — ihr müsst einordnen, was es bedeutet.

Der rote Faden

🧶 Analogie — eine Schnur durch das ganze Buch

Stellt euch vor, an eurer Forschungsfrage hängt eine Schnur. Sie läuft durch jedes Kapitel. Jedes Kapitel beantwortet eine Frage — und reicht die Schnur weiter:

Einleitung: Welche Frage stelle ich?  →  Related Work: Was wussten andere schon — wo ist die Lücke?  →  Methodik: Wie beantworte ich die Frage?  →  Evaluation: Was kam heraus?  →  Fazit: Die Frage aus der Einleitung — jetzt beantwortet.

Eiserne Regel: Die Forschungsfrage der Einleitung MUSS im Fazit beantwortet werden — sonst reißt der Faden. Related Work spannt die Lücke auf, die Evaluation schließt sie.
Master-Twist: Trennt sauber „was existierte" (Related Work) von „was IST euer eigener Beitrag" (Konzept + Evaluation). Wer das verwischt, verliert genau die Punkte, die im Master zählen.

LaTeX — warum & wie (Master-Niveau)

💡 Warum LaTeX statt Word?

  • Formeln sehen professionell aus und sind editierbar
  • Automatische Referenzen + Nummerierung — Abbildung 4.2 verschiebt sich von selbst
  • BibTeX — Quellen einmal erfassen, überall korrekt zitieren
  • Stabile Formatierung über 80+ Seiten — kein „verrutschtes" Layout
  • Versionierung mit git — jede Änderung nachvollziehbar

Word kämpft genau hier ab Seite 40.

🚀 Wie startet ihr — ohne Setup-Frust?

  • Overleaf — läuft im Browser, kein Setup, keine Installation
  • HTW- oder eigene Vorlage nehmen, nicht bei null anfangen
  • Grundbausteine, die ihr braucht:
    • \documentclass · \section
    • \label{} / \ref{} für Verweise
    • \cite{key} für Quellen
    • \input{} — große Arbeit in Dateien aufteilen
Beruhigend gemeint: Ihr müsst LaTeX nicht „können". Ihr braucht ~10 Befehle. Den Rest übernimmt die Vorlage — und über die Wochen wächst es von selbst.

Literaturmanagement mit Zotero

Bei 60+ Quellen ist Quellen-Verwaltung „von Hand" nicht mehr machbar. Zotero (kostenlos & Open Source) macht es automatisch:

① Browser-Connector  →  Quelle mit 1 Klick speichern (PDF + Metadaten)  →  ② in Sammlungen organisieren (pro Kapitel / pro Thema)  →  ③ Better-BibTeX-Export  →  \cite{key} in LaTeX  →  ⑤ Bibliographie automatisch generiert & formatiert

Was es euch spart

  • Keine Tippfehler in Autor:innen / Jahr / Titel
  • Zitierstil per Knopfdruck wechseln
  • PDF + Notizen an der Quelle
  • Nie wieder „wo war noch das Paper?"

🔧 Setup in 15 Minuten

  • Zotero installieren + Browser-Connector
  • Plugin Better BibTeX hinzufügen
  • Eine .bib-Datei nach Overleaf exportieren / syncen
  • Citation-Keys stabil halten (z.B. autor2024thema)
Faustregel: Ab der ersten gelesenen Quelle in Zotero erfassen — nicht erst „später aufräumen". Später ist die Hälfte verloren.
⏱️ 15 Minuten · still + Pair

🏗️ Eigenarbeit 1: Gliederung + Tool-Setup

Ihr habt Aufbau, roten Faden und die Tools gesehen. Übertragt das jetzt auf eure Arbeit — auf Basis eurer Methodik aus Seminar 3.

10 Min — alleine:

  1. Skizziert die Kapitelstruktur eurer Arbeit mit Unterkapiteln (passend zu eurer Methodik)
  2. Schreibt je Kapitel 1-2 Stichpunkte: was steht da drin?
  3. Markiert klar, wo „Related Work" endet und wo euer eigener Beitrag beginnt

5 Min — zu zweit:

  • Prüft gegenseitig: Ist der rote Faden erkennbar?
  • Ist der eigene Beitrag klar vom Stand der Forschung abgegrenzt?

Dieses Blatt ist die Grundlage eurer Hausaufgabe.

Pause

15 Minuten

Holt euch was zu trinken, lauft kurz raus, vergleicht eure Gliederungen. Im zweiten Teil: die Verteidigung — und warum eure Gliederung NICHT eure Präsentation ist.

Teil 2

Die Verteidigung — euer Denken sichtbar machen

Die Verteidigung (Kolloquium) ist keine Zusammenfassung eurer Arbeit — sie ist ein ARGUMENT. Ihr beweist, dass ihr euer eigenes Thema durchdrungen habt.

Vier Fragen, die dieser Teil beantwortet:
  • Was ist die Verteidigung eigentlich?
  • Warum ist die Gliederung NICHT die Präsentation?
  • Was gehört in die Folien?
  • Wie macht ihr die geistige Arbeit dahinter?

Der häufigste Fehler — die Gliederung in die Folien kippen

Was viele tun

Sie nehmen das Inhaltsverzeichnis ihrer Arbeit, machen daraus die Agenda + eine Folie pro Kapitel, und lesen die Arbeit von vorne bis hinten nach.

Warum das scheitert:

  • Langweilig — und es entsteht kein roter Faden für die ZUHÖRER:INNEN
  • Related Work bekommt gleich viel Raum wie der eigene Beitrag
  • Die Kernergebnisse gehen unter in lauter Gleichwertigem
  • Es zeigt KEIN eigenes Denken — nur Umkopieren
Der Kern: Eure Gliederung ist für eine:n LESER:IN optimiert (kann zurückblättern, nachschlagen, Pausen machen). Eure Verteidigung ist für eine:n ZUHÖRER:IN — eine völlig andere Dramaturgie.

Gliederung der Arbeit ≠ Dramaturgie der Verteidigung

📖 Gliederung (Text, für Leser:innen)

  • Vollständig — nichts darf fehlen
  • Logisch geordnet, alle Kapitel gleichwertig dokumentiert
  • Man kann zurückblättern
  • Related Work = eigenes langes Kapitel

🎤 Verteidigung (Vortrag, für Zuhörer:innen)

  • Selektiv — bewusst weglassen
  • Narrativ & gewichtet nach BEITRAG
  • Linear & einmalig hörbar — kein Zurückblättern
  • Grundlagen in 1-2 Folien · Evaluation/Ergebnisse = Herzstück
Konkretes Beispiel der Gewichtung: Kapitel „Grundlagen" = 20 Seiten in der Arbeit → 1 Folie in der Verteidigung. Kapitel „Evaluation" = 15 Seitendie Hälfte eurer Folien. Seitenzahl ≠ Folienzahl.

Was gehört in die Verteidigungs-Folien

Nicht Kapitel — ein Spannungsbogen. Diese 7 Stationen führen die Zuhörer:innen durch eure Arbeit:

① Hook — das Problem & warum es zählt (30 Sek)  →  ② Forschungsfrage — die EINE Frage  →  ③ nur das nötige Hintergrund-Wissen (minimal!)  →  ④ euer Ansatz & die KERN-ENTSCHEIDUNGEN (warum so, nicht anders)  →  ⑤ Ergebnisse — das Herzstück, mit Daten/Abbildungen  →  ⑥ Beitrag + ehrliche Limitationen  →  ⑦ Fazit / Take-away

Plus: Backup-Folien für erwartete Fragen (Details, Zusatz-Diagramme, verworfene Alternativen) — am Ende, hinter dem Fazit.
Zeit-Budget: Die Ergebnisse (⑤) bekommen den größten Anteil. Hook + Hintergrund zusammen: maximal ein Viertel eurer Zeit.

Die geistige Arbeit dahinter — das ist der Punkt

Eine Verteidigung zu bauen ist kein mechanisches Umkopieren. Es sind sechs Denk-Operationen:

✂️ Selektieren

Was lasst ihr WEG? 80 Seiten → 12 Folien. Mut zur Lücke.

🔭 Abstrahieren

Vom Detail zur Kernaussage: Was ist die EINE Botschaft pro Folie?

🧵 Narrativ bauen

Eine Geschichte statt Zusammenfassung — Spannungsbogen Problem → Lösung → Ergebnis.

🖼️ Umrahmen für Zuhörer:innen

Sie können nicht zurückblättern — jede Folie muss allein verständlich sein.

🏆 Beitrag herausarbeiten

Klar trennen: was gab es schon vs. was ist EURE Leistung?

🛡️ Fragen antizipieren

Wo ist meine Arbeit angreifbar? → Backup-Folien vorbereiten.

Der Kern: Die Folien sind das ERGEBNIS dieses Denkens. Wer die Gliederung kopiert, hat dieses Denken übersprungen — und das merkt die Prüfungskommission sofort.

Gute vs. schwache Verteidigungs-Folie — ein Beispiel

Schwach

Titel: „Kapitel 4: Implementierung"

12 Bullet-Zeilen Text · jede Architektur-Komponente aufgelistet · alles wird abgelesen.

Die Zuhörer:innen lesen mit statt zuzuhören. Keine Botschaft, kein Denken sichtbar.

Stark

Titel = EINE klare Botschaft:

„Argon2 skaliert ab 64 parallelen Logins 2,3× besser als bcrypt."

+ EIN Diagramm · minimaler Text.

Zeigt Denken: ihr habt selektiert, abstrahiert und das Ergebnis auf den Punkt gebracht.

Der Unterschied: Die schwache Folie dokumentiert. Die starke Folie argumentiert — sie hat eine Aussage, die man entweder glauben oder hinterfragen kann.

Typische Verteidigungs-Fragen (Master)

Frage der KommissionWas sie wirklich prüft
„Warum diese Methode — welche Alternativen haben Sie verworfen?"Habt ihr reflektiert oder nur angewandt?
„Was ist Ihr eigener wissenschaftlicher Beitrag?"Könnt ihr euch vom Stand der Forschung abgrenzen?
„Wo sind die Grenzen Ihrer Aussagen / Generalisierbarkeit?"Seht ihr eure eigenen Limitationen ehrlich?
„Wie ordnet sich Ihre Arbeit in den Stand der Forschung ein?"Kennt ihr eure Community / euren Diskurs?
„Was würden Sie mit mehr Zeit anders machen?"Habt ihr kritische Distanz zur eigenen Arbeit?
Antwort-Strategie: kurz, ehrlich, mit Begründung. Bei Unsicherheit laut denken statt raten. „Das habe ich nicht untersucht, aber ich würde es so angehen…" ist eine starke Antwort — sie zeigt Methodenkompetenz, nicht Schwäche.
⏱️ 20 Minuten · still

🎤 Eigenarbeit 2: Die 12-Folien-Skizze eurer Verteidigung

Skizziert auf Papier die Folien-Abfolge eurer eigenen Verteidigung nach dem 7-Punkte-Bogen.

  1. Pro Folie nur EINE Botschaft als Überschrift (ein ganzer Satz, keine Schlagworte)
  2. Zwingend: Entscheidet bewusst, welche 2 Kapitel ihr auf je 1 Folie eindampft — und welches Kapitel die meisten Folien bekommt
  3. Notiert 2 Fragen, die ihr fürchtet → entwerft je eine Backup-Folie

Tipp zur Reihenfolge: erst die EINE Botschaft je Folie festlegen, dann erst den Inhalt füllen. Nie umgekehrt.

Diese Skizze arbeitet ihr als Hausaufgabe aus.

⚠️ Häufige Verteidigungs-Fallen

1. Gliederung = Agenda kopiert

Falle: Inhaltsverzeichnis → Agenda → eine Folie pro Kapitel.

Fix: nach Dramaturgie & Beitrag gewichten, nicht nach Kapiteln.

2. Zu viel Grundlagen, zu wenig Ergebnisse

Falle: halbe Präsentation für Hintergrund, eigene Ergebnisse am Ende gehetzt.

Fix: Grundlagen auf 1-2 Folien, Ergebnisse ins Zentrum.

3. Textwüsten ablesen

Falle: volle Folien, Vortrag = Vorlesen.

Fix: 1 Botschaft + 1 Abbildung pro Folie.

4. Keine Backup-Folien

Falle: von Detail-Fragen überrascht, kein Material zur Hand.

Fix: angreifbare Stellen antizipieren → Backup-Folie je Frage.

📋 Hausaufgaben bis Seminar 5

  1. Gliederung der Arbeit finalisieren + im LaTeX/Overleaf-Projekt als Kapitelgerüst anlegen (leere Sections mit Überschriften).
  2. Zotero einrichten + mind. 20 Quellen importieren · Better-BibTeX-Export einmal testen (.bib → Overleaf).
  3. Die 12-Folien-Skizze der Verteidigung ausarbeiten — eine Botschaft je Folie, Gewichtung nach Beitrag.
Format: alles als ein PDF bis zum Abend vor Seminar 5. Die Gliederung + 12-Folien-Skizze besprechen wir dort gemeinsam.

Take-aways aus heute

🏗️ Teil 1 — Struktur & Tools

  • Master-Aufbau: mehr Related Work · explizite Diskussion · klarer Beitrag.
  • Roter Faden: Frage der Einleitung wird im Fazit beantwortet.
  • LaTeX + Overleaf trägt 80+ Seiten — ~10 Befehle reichen zum Start.
  • Zotero + Better BibTeX — ab der ersten Quelle, nicht später.

🎤 Teil 2 — Die Verteidigung

  • Die Gliederung der Arbeit ist NICHT die Präsentation.
  • Folien nach Beitrag gewichten, nicht nach Seitenzahl.
  • Eine Verteidigung zu bauen ist geistige Arbeit: selektieren, abstrahieren, narrativ bauen, Beitrag herausarbeiten.
  • 1 Botschaft + 1 Abbildung pro Folie · Backup-Folien für Fragen.

Fragen?

Nächstes Mal: Schreiben — von der Schreibblockade zur ersten Seite · Software-IP & Lizenzen · Abschluss.

Prof. Dr. Alexandra Mikityuk
HTW Berlin · Büro Raum 308
Schickt mir eure Gliederung + 12-Folien-Skizze bis Seminar 5!

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