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Seminar 3
Methodik verstehen — und vom Industrie-Thema zur Forschungs-Community
Masterseminar IKT
Prof. Dr. Alexandra Mikityuk
HTW Berlin
Methodik · Methodenkapitel · Thema verstehen · Forschungs-Community finden
Rückblick — eure Pinnwand hat eindeutig gesprochen
In Seminar 2 ging es um die drei Sprünge vom Bachelor zum Master: Tiefe · Selbständigkeit · Methodik. In der Pinnwand-Übung war eine Antwort besonders häufig:
📌 Was ihr geschrieben habt
„Mein wackeligster Sprung: Methodik — ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was Methodik eigentlich heißt."
Das war kein Einzelfall — es kam mehrfach. Und es ist eine gute, ehrliche Rückmeldung.
🎯 Konsequenz für heute
Wir bauen Seminar 3 anders als geplant: Methodik kommt nach vorne — wir entmystifizieren den Begriff. Danach Time-Management & Industrie-Spagat wie ursprünglich vorgesehen.
Versprechen: Am Ende von Teil 1 wisst ihr genau, was Methodik bedeutet, welche es für eure Arbeit gibt — und welche zu eurer Forschungsfrage passt.
Themen heute
Teil 1 — Methodik verstehen
- Was heißt Methodik wirklich?
- Methode vs. Methodik vs. Methodologie (3 Ebenen)
- Die 6 wichtigsten Methoden für Masterarbeiten
- Welche Methode passt zu welcher Frage?
- Bachelor- vs. Master-Methodik — der Anspruchssprung
- Anatomie des Methodenkapitels + Gütekriterien
Teil 2 — vom Industrie-Thema zur Forschung
- Industrie-Problem ≠ Forschungsfrage — wie baut ihr die Brücke?
- Euer Thema in 3 Linsen verstehen
- Verwandte Themen finden (Snowball + Tools)
- Eure Forschungs-Community erkennen
- Den Diskurs lesen — wo steht IHR drin?
Format: zwei Eigenarbeit-Phasen — eine pro Teil. Bringt eure Forschungsfrage aus Seminar 2 in greifbarer Form mit.
Was ist Methodik wirklich?
Methodik = das begründete „Wie" eurer Forschung.
Ihr habt eine Forschungsfrage. Methodik beschreibt: was ihr genau tut, um sie zu beantworten — und warum gerade so.
🧭 Alltagsanalogie — eine Expedition
Ihr wollt einen unbekannten Gipfel besteigen (= Forschungsfrage).
Methodik = welche Route nehmt ihr (Nordwand vs. Südgrat?), welches Equipment (Seil, Steigeisen?), wie viele Tage, wer in der Seilschaft — und warum genau diese Wahl.
Ohne Methodik → glücklicher Zufall oder Absturz. Reproduzierbar ist das nicht.
🔬 Master-Beispiel
Forschungsfrage: „Wie zuverlässig erkennt ein YOLO-v8-Modell Verkehrsschilder bei Regen — verglichen mit dem Trainings-Datensatz?"
Methodik: Vergleichendes Experiment mit zwei Datensätzen (Original + selbst gefilmtes Regen-Set, n=2.000 Bilder), Precision/Recall/F1 als Metriken, statistischer Test auf Signifikanz, Diskussion der Stichproben-Limitationen.
Drei Kriterien guter Methodik:
- Nachvollziehbar — jemand anders könnte es nachmachen
- Begründet — warum gerade diese Wahl? warum nicht eine andere?
- Passend — beantwortet sie wirklich die Forschungsfrage?
3 Ebenen — Methode · Methodik · Methodologie
Drei Begriffe, oft verwechselt. Im Master müsst ihr sie sauber auseinanderhalten:
🛠️ Methode
Ein einzelnes Werkzeug.
Beispiele:
- Eine Online-Umfrage
- Ein semi-strukturiertes Interview
- Ein Benchmark-Test
- Eine systematische Literatur-Suche
📚 Methodik
Die Gesamtstrategie — Methoden + Begründung + Reihenfolge.
„Ich nutze erst eine Literaturanalyse, um den Stand zu erfassen, dann ein Experiment (n=200 Sensoren), um die offene Frage X zu beantworten — weil reine Literatur sie nicht klären kann."
🔭 Methodologie
Das Denkgerüst dahinter — die wissenschaftliche Sichtweise.
Z.B. quantitativ-positivistisch (Hypothesen testen mit Zahlen) vs. qualitativ-interpretativ (Bedeutungen erschließen) vs. Design Science (durch Bauen erkennen).
Kurzformel: Methode = was. Methodik = was + warum + in welcher Kombination. Methodologie = aus welcher Forschungs-Tradition heraus. Im Master ist die Methodik der Schwerpunkt eures Kapitels.
Die 6 wichtigsten Methoden für Masterarbeiten
Schauen wir uns das Methoden-Repertoire für Informatik-Masterarbeiten an:
① Experiment
Kontrollierte Variablen, Messung, statistischer Test. Quantitativ.
Wann: messbare Hypothese („Algorithmus A ist schneller als B").
② Systematic Literature Review
Strukturierte Suche + Filterung + Synthese existierender Forschung nach festen Kriterien.
Wann: „Was ist der Stand der Forschung zu X?"
③ Case Study
Tiefen-Analyse eines realen Falls (Firma, System, Vorfall) — qualitativ + multi-source.
Wann: „Wie funktioniert X im realen Kontext?"
④ Design Science Research
Artefakt bauen (Tool, Methode, Modell) + systematisch evaluieren — Erkenntnis durch Konstruktion.
Wann: „Wie kann man X bauen, das Y leistet?"
⑤ Vergleichsstudie / Benchmark
Mehrere existierende Lösungen nach denselben Kriterien messen, begründete Empfehlung.
Wann: „Welche Variante eignet sich am besten für Y?"
⑥ Mixed Methods
Kombination — z.B. erst Umfrage (Breite), dann Interviews (Tiefe). Sehr beliebt im Master.
Wann: wenn weder rein qualitativ noch rein quantitativ trägt.
Wichtig: Ihr müsst nicht alle 6 beherrschen — ihr braucht eine, die ihr sauber durchzieht. Aber ihr solltet wissen, dass es Alternativen gibt — und kurz begründen können, warum ihr diese gewählt habt.
🤚 Schnell-Umfrage — welche Methode zieht es euch?
Bauchgefühl, nicht endgültig. Handzeichen pro Methode — wir sehen sofort, wie die Gruppe verteilt ist.
Ablauf (≈ 5 Min):
- Ich rufe jede der 6 Methoden auf — wer dort tendiert, hebt die Hand
- Ich zähle laut mit + notiere
- Bei der häufigsten + der seltensten Methode: kurze Rückfrage an 1-2 Personen: „warum gerade die?"
③ Case Study
④ Design Science
⑤ Vergleichsstudie
⑥ Mixed Methods
Lernzweck: ihr seht sofort, wer ähnliche Wahl trifft — das sind potenzielle Sparring-Partner:innen. Und ich sehe, wo wir in den nächsten Seminaren methodisch tiefer einsteigen müssen.
Welche Methode passt zu welcher Frage?
Erkennt eure Frage am Frage-Wort — dann ist die Methode oft schon halb klar:
| Frage-Typ | Beispiel | Wahrscheinlichste Methode |
| „Wie viel / wie schnell …?" |
Wie viel Latenz spart Caching-Strategie X? |
Experiment · Benchmark |
| „Welche / welcher ist besser …?" |
Welcher Vector-Store eignet sich für RAG < 1 Mio Docs? |
Vergleichsstudie · Benchmark |
| „Wie funktioniert X im Kontext?" |
Wie nutzen Senior-Devs KI-Tools im Alltag? |
Case Study · qualitative Interviews |
| „Was ist Stand der Forschung zu X?" |
Welche Anti-Patterns sind in REST-APIs dokumentiert? |
Systematic Literature Review |
| „Wie kann man X bauen, das Y leistet?" |
Wie lässt sich ein MCP-Server für Smart-Home umsetzen? |
Design Science Research |
| „Warum / wie + wie viel?" (beides) |
Wie und wie häufig nutzen Devs LLM-Code-Suggest? |
Mixed Methods (Umfrage + Interview) |
Hinweis: Die Tabelle ist eine Heuristik, kein Gesetz. Wenn ihr unsicher seid, schreibt mir die Frage — wir gehen sie gemeinsam durch.
Bachelor- vs. Master-Methodik — wo ist der Sprung?
Erinnert ihr euch an die drei Sprünge aus Seminar 2? Der dritte war Methodik. Konkret heißt das:
🎓 Bachelor-Methodik
Anwendung: bekannte Methode auswählen und korrekt durchführen.
- Methode wird beschrieben
- Vorgehen wird dokumentiert
- Ergebnis wird berichtet
🧑🎓 Master-Methodik
Reflexion: Methode wählen und die Wahl gegen Alternativen verteidigen.
- + Begründung: warum diese Methode?
- + Verworfene Alternativen: warum jene nicht?
- + Limitationen: was kann eure Methode nicht?
- + Gütekriterien: wie sichert ihr Qualität?
Der Unterschied in einem Satz: Im Bachelor zeigt ihr, dass ihr eine Methode beherrscht. Im Master zeigt ihr, dass ihr sie kritisch reflektieren könnt — und ihre Grenzen ehrlich seht.
Anatomie des Methodenkapitels
In eurer Masterarbeit ist das Methodenkapitel typisch 8-15 Seiten. Sechs Bausteine:
1️⃣ Forschungsdesign
Der Überblick: welche Methodologie (quant/qual/mixed/design), welche Methode, in welcher Reihenfolge — und warum genau diese.
2️⃣ Datenerhebung
Wo kommen Daten/Material her? Stichprobe, Datensatz, Interview-Teilnehmer, Mess-Setup. Mit konkreten Zahlen.
3️⃣ Datenanalyse
Wie wird ausgewertet? Statistische Tests, Codier-Schema, Analyse-Tools (Python/R/SPSS). So genau, dass jemand es reproduzieren könnte.
4️⃣ Gütekriterien
Wie sichert ihr, dass eure Ergebnisse glaubwürdig sind? (Reliability/Validity bzw. Triangulation/Sättigung — nächste Folie)
5️⃣ Limitationen
Was kann eure Methode nicht? Welche Aussagen sind nicht möglich? Ehrlich, nicht versteckt — das ist Master-Reife.
6️⃣ Ethik & Datenschutz
Wenn ihr mit Menschen / personenbezogenen Daten arbeitet: Einwilligung, Anonymisierung, DSGVO. Pflicht — kein Beiwerk.
Tipp: Macht das Kapitel früh fertig — vor der Datenerhebung. Wer erst hinterher dokumentiert, vergisst die Hälfte der Entscheidungen, die er getroffen hat.
Gütekriterien — woran misst man gute Forschung?
Quantitative und qualitative Forschung haben unterschiedliche Gütekriterien. Verwechselt sie nicht.
📊 Quantitativ (Experiment, Benchmark, Survey)
- Reliabilität — Wiederholbarkeit (gleicher Test → gleiches Ergebnis)
- Validität — messt ihr, was ihr messen wollt?
- Interne V.: Kausalität korrekt?
- Externe V.: übertragbar auf andere Kontexte?
- Konstrukt-V.: Indikator passt zum Konzept?
- Objektivität — unabhängig von der Person, die misst
🗣️ Qualitativ (Interviews, Case Study)
- Glaubwürdigkeit — sind die Schlüsse plausibel begründet?
- Übertragbarkeit — auf welche anderen Kontexte könnten die Erkenntnisse gelten?
- Triangulation — mehrere Datenquellen / Methoden, die sich gegenseitig bestätigen
- Sättigung — Interviews so lange, bis nichts Neues mehr aufkommt
- Audit Trail — alle Entscheidungen dokumentiert + nachvollziehbar
Häufiger Fehler: qualitative Studien an quantitativen Kriterien messen wollen — z.B. „Sind 8 Interviews ‚statistisch signifikant'?" Nein, das ist die falsche Frage. Bei qualitativen Studien zählt Sättigung, nicht Signifikanz.
⚠️ Häufige Methodik-Fallen — und wie ihr sie vermeidet
1. „Ich nehme einfach Methode X"
Falle: Methode wählen, ohne sie an der Frage zu prüfen.
Lösung: Frage zuerst, Methode danach — nie umgekehrt.
2. Tools-Wahl als Methode
Falle: „Meine Methodik ist Python und VS Code." Nein — Tools sind nicht Methodik.
Lösung: Tools gehören in die Datenanalyse-Subsektion, nicht ins Forschungsdesign.
3. Keine Begründung
Falle: Methode beschreiben, ohne zu sagen warum.
Lösung: jede Methodik-Entscheidung mit „weil…" — explizit.
4. Limitationen verschweigen
Falle: Limitationen weglassen, um „professioneller" zu wirken.
Lösung: Limitationen aktiv aufzeigen — das zeigt Master-Reife.
5. Methode passt nicht zur Frage
Falle: Umfrage für eine „Warum"-Frage, Interview für eine „Wie viel"-Frage.
Lösung: Tabelle Folie 7 — Frage-Typ → Methoden-Typ.
6. Methodik-Kapitel nachträglich
Falle: erst forschen, dann das Methodenkapitel schreiben — verlorene Entscheidungen.
Lösung: Methodenkapitel vor der Datenerhebung skizzieren.
⏱️ 15 Minuten · still + Pair
🛠️ Eigenarbeit 1: Welche Methode passt zu meiner Frage?
Ihr habt jetzt die 6 Methoden + die Frage-Methode-Tabelle gesehen. Wendet das auf eure Forschungsfrage aus Seminar 2 an:
10 Min — alleine:
- Schreibt eure Forschungsfrage noch einmal auf (X-Y-Z-K-Format aus Seminar 2)
- Welche der 6 Methoden passt? Begründet in 1-2 Sätzen — warum diese, warum nicht eine andere?
- Skizziert in 3-5 Bullet-Points, was ihr konkret tun würdet
- Notiert eine Limitation, die ihr jetzt schon seht — was wird eure Methode nicht leisten können?
5 Min — zu zweit (mit Sparring-Partner:in aus Seminar 2):
- Tauscht Frage + Methode aus
- „Advocatus Diaboli": welche Schwächen seht ihr?
Bringt das Notiz-Blatt zu Seminar 4 mit.
☕
Pause
15 Minuten
Holt euch was zu trinken, lauft kurz raus, sprecht mit den anderen über eure Methoden-Wahl. Im zweiten Teil: wie ihr euer Job-Thema in den Forschungs-Diskurs einbringt — Brücke bauen, Nachbarschaft kartieren, Community finden.
Teil 2
Vom Industrie-Thema zur Forschungs-Community
Ihr habt ein Thema aus eurem Job. Aber Forschung ist ein Gespräch — und ihr müsst wissen, wo es geführt wird und wie ihr da hineintretet.
Was wir klären: wie ihr (1) euer eigenes Thema wirklich versteht · (2) verwandte Themen findet · (3) eure Forschungs-Community erkennt · (4) eure Position im Diskurs formuliert. Ohne diese vier Schritte landet ihr methodisch sauber im Niemandsland.
Industrie-Problem ≠ Forschungsfrage — die Brücke bauen
Das ist der häufigste Stolperstein: ein Job-Problem ist noch keine Forschungsfrage. Sie haben unterschiedliche Logiken.
🏢 Industrie-Problem
- Spezifisch: bei uns, jetzt, mit unseren Daten
- Ziel: lösen — möglichst schnell
- Erfolg: es funktioniert
- Beispiel: „Unser Login ist langsam, weil wir bcrypt mit cost=14 nutzen."
🔬 Forschungsfrage
- Verallgemeinert: über euren Fall hinaus relevant
- Ziel: erkennen — wie verhält sich X?
- Erfolg: ihr versteht ein Phänomen
- Beispiel: „Wie skaliert Password-Hashing-Performance unter steigender Concurrency — am Vergleich bcrypt / argon2 / scrypt?"
Die Brücke: Euer Job-Problem ist ein Spezialfall eines größeren Phänomens. Eure Aufgabe: das Phänomen erkennen, an dem euer Problem hängt — und dieses Phänomen in eine Forschungsfrage formulieren.
Faustregel: Wenn ihr eure Frage so umformulieren könnt, dass eine andere Firma sie auch hätte stellen können — habt ihr die Brücke gebaut.
Euer Thema in 3 Linsen verstehen
Jedes Industrie-Thema lässt sich aus drei Richtungen betrachten. Jede Linse führt euch in eine andere Forschungs-Nachbarschaft.
🔧 Technologie-Linse
Welche Technik ist konkret im Spiel?
Algorithmen · Frameworks · Architekturen · Protokolle
Beispiel-Thema „Login langsam":
→ Hash-Algorithmen, KDF, Argon2 vs. bcrypt vs. scrypt
🌐 Anwendungs-Linse
In welchem Kontext spielt es?
Domäne · Nutzergruppe · System-Größe · Branche
Beispiel-Thema „Login langsam":
→ Web-Auth bei hoher Concurrency, Mobile-First Apps, Enterprise SSO
🔍 Wissenschafts-Linse
Welches grundsätzliche Phänomen?
Trade-off · Skalierung · Sicherheit · Performance
Beispiel-Thema „Login langsam":
→ Security-vs.-Performance Trade-off in Cryptographic KDFs
Warum drei Linsen? Jede führt euch zu anderen Konferenzen, Autor:innen, Suchbegriffen. Eure Arbeit liegt dort, wo sich zwei oder drei Linsen schneiden — das ist eure einzigartige Position im Diskurs.
Verwandte Themen finden — die Forschungs-Nachbarschaft kartieren
Drei konkrete Techniken — wenn ihr alle drei nutzt, habt ihr in ~2 Stunden eine solide Karte eures Felds.
① Keyword-Leiter
Von breit zu schmal zu technisch — schreibt mind. 3 Ebenen.
Beispiel „Login":
- breit: „authentication"
- schmal: „password hashing performance"
- technisch: „argon2 concurrency benchmark"
② Snowball-Suche
Ein Seed-Paper finden, dann in beide Richtungen schneeballen:
- rückwärts: deren Quellen lesen
- vorwärts: „cited by" — wer hat sie zitiert?
2-3 Iterationen reichen — danach taucht das gleiche Material auf.
③ Survey-Papers als Karten
Sucht gezielt nach Übersichts-Artikeln — sie ersparen euch Wochen.
Sucht: „survey", „review", „state of the art", „systematic mapping" + euer Thema.
Bonus: deren Referenzliste = euer Lese-Plan.
🛠️ Tools, die ihr nutzen solltet
- Google Scholar — Standard-Sucheinstieg + Zitierungs-Tracking
- Semantic Scholar — bessere Filter + AI-Zusammenfassung
- Connected Papers (connectedpapers.com) — visualisiert Paper-Nachbarschaft als Graph
- Inciteful oder Litmaps — interaktive Citation-Trees
- arXiv + IEEE Xplore + ACM DL — Volltexte
⚠️ Häufige Fehler
- Nur Google nutzen (verpasst gated Papers + falsche Sortierung)
- Erstbeste Treffer nehmen — ihr braucht 10-15 als Basis, nicht 3
- Zu alte Quellen ignorieren (in CS: >10 Jahre oft veraltet, in Theorie aber Klassiker!)
- Nur englisch suchen — manchmal hilft DE/franz. Suche bei lokalen Themen
Eure Forschungs-Community erkennen
„Community" klingt abstrakt. Konkret heißt es: Konferenzen · Journals · wiederkehrende Namen. Das sind die drei Spuren.
🎤 Konferenzen
Hier passiert die Action in der CS. Schneller als Journals, peer-reviewed, oft Open-Access.
Beispiele aus den Linsen:
- Security: USENIX Security, ACM CCS, NDSS, IEEE S&P
- SE: ICSE, FSE, ASE
- HCI: ACM CHI, UIST
- ML/AI: NeurIPS, ICML, ACL
- Systems: SOSP, OSDI, NSDI
📚 Journals
Der kanonische Record. Langsamer, aber gewichtiger; oft hinter Paywall.
Allgemeine Anker:
- IEEE Transactions on Software Engineering
- ACM Transactions on (TOSEM, TOCS, …)
- ACM Computing Surveys (CSUR) — sehr nützlich!
- Empirical Software Engineering
- Journal of Systems and Software
🧑🔬 Key Authors
Wenn ein Name 3+ mal auftaucht, ist es ein Anker eurer Community.
So findet ihr sie:
- In Survey-Papers — wer wird oft zitiert?
- Auf Konferenz-Programmen — wer hat dieses Jahr publiziert?
- Google Scholar Profil → „Co-authors" → Netzwerk sichtbar
Tipp: ihre Twitter/Mastodon/Blog-Accounts folgen — Diskurs live mitbekommen.
Wie findet ihr eure Community? Schaut, wo eure 3 Seed-Paper publiziert sind — das ist eure Startadresse. Wenn alle drei auf USENIX Security landen, ist das eure Community. Wenn sie sich auf 3 verschiedene Felder verteilen, ist euer Thema interdisziplinär (auch okay — aber bewusst dokumentieren).
Den Diskurs lesen — wo steht IHR drin?
Forschung ist ein Gespräch zwischen Papers. Jedes Paper sagt: „Ich knüpfe an X an / ich widerspreche Y / ich erweitere Z." Ihr müsst eure eigene Position formulieren können.
📖 Eine Konversations-Karte zeichnen
Sobald ihr ~10 Papers gelesen habt, sortiert sie:
- Was wird allgemein akzeptiert? (Konsens)
- Was ist umstritten? (Streit zwischen Lagern)
- Was wird gar nicht behandelt? (Lücke)
Eine A3-Mindmap reicht — Papers gruppieren, Pfeile zeichnen.
🎯 Eure Positionierung — 3 Templates
Wählt eines, das zu eurem Beitrag passt:
- Aufbauen: „Aufbauend auf [X 2022] erweitere ich …"
- Widersprechen: „Im Gegensatz zu [Y 2021] zeige ich …"
- Lücke füllen: „Während [X] und [Y] untersucht sind, bleibt [Z] offen."
⚠️ Häufige Falle: Eine „Lücke" wählen, die niemand interessiert. Das passiert, wenn man die Lücke vor der Karte sucht. Erst die Konversation kartieren, dann die relevante Lücke identifizieren — sonst landet ihr methodisch sauber im Niemandsland.
Gold-Standard: Eure Lücke ist gut, wenn ihr mehrere Papers findet, die sie indirekt erwähnen („… future work could address …"). Dann wisst ihr: die Community kennt die Lücke — und braucht jemanden, der sie schließt.
⏱️ 15 Minuten · still + Pair
🗺️ Eigenarbeit 2: Eure Forschungs-Nachbarschaft kartieren
Nehmt euer Industrie-Thema aus eurer Forschungsfrage. Macht eine erste Karte:
10 Min — alleine (Laptop / Handy nutzen):
- Industrie-Problem in 1 Satz — wie ihr es im Job formulieren würdet
- 3 Linsen-Begriffe — je 1 Suchbegriff aus Technologie / Anwendung / Wissenschaft
- Keyword-Leiter — 1 breiter / 1 schmaler / 1 technischer Suchbegriff
- 2 Seed-Papers — über Google Scholar finden, Titel + Jahr + Venue notieren
- 1 Konferenz oder Journal — wo sind die Seed-Papers erschienen?
- 1 Lücken-Satz — „Während X erforscht ist, bleibt Y offen."
5 Min — zu zweit:
- Tauscht eure Karte aus
- Eine Person formuliert die Lücke des/der anderen nochmal in eigenen Worten — passt es?
Es geht nicht darum, dass die Karte perfekt ist. Es geht darum, dass ihr angefangen habt zu kartieren.
📚 Hausaufgaben bis Seminar 4
Was bis nächstes Mal vorzubereiten ist
- Methoden-Wahl finalisieren — eine Methode aus den 6 wählen + 1 Absatz Begründung (warum diese, warum nicht eine andere)
- Methodenkapitel-Skizze — 6 Bausteine als Überschriften + 2-3 Stichpunkte je Baustein
- Forschungs-Nachbarschaft ausbauen — aus Eigenarbeit 2 weitermachen: 5 Seed-Papers + 2 Konferenzen/Journals + 3 Key-Autor:innen
- Lücken-Satz schärfen — euer „Während X erforscht ist, bleibt Y offen" auf 1-2 Sätze bringen, mit Verweis auf 2 Papers, die die Lücke indirekt erwähnen
Format: Schickt mir die 4 Sachen als ein PDF (max 2 Seiten) bis Abend vor Seminar 4. Ich gebe individuelle Rückmeldung.
Take-aways aus heute
🧪 Teil 1 — Methodik
- Methodik = das begründete Wie eurer Forschung.
- 3 Ebenen: Methode · Methodik · Methodologie.
- 6 Methoden: Experiment · SLR · Case Study · Design Science · Vergleichsstudie · Mixed Methods.
- Frage zuerst, Methode danach.
- Master-Anspruch: begründen + reflektieren + Limitationen.
🗺️ Teil 2 — Vom Job-Thema zur Forschung
- Industrie-Problem ≠ Forschungsfrage — euer Problem ist ein Spezialfall eines größeren Phänomens.
- 3 Linsen: Technologie · Anwendung · Wissenschaft — jede führt in eine andere Nachbarschaft.
- Findet mit Keyword-Leiter · Snowball · Survey-Papers + Tools (Scholar, Connected Papers).
- Eure Community = wo eure Seed-Papers publiziert sind.
- Erst kartieren, dann Lücke — nicht umgekehrt.
Fragen?
Nächstes Mal: Struktur einer Masterarbeit · LaTeX einrichten · Literaturmanagement mit Zotero.
Prof. Dr. Alexandra Mikityuk
HTW Berlin · Büro Raum 308
Schickt mir eure Methoden-Wahl + Forschungs-Karte bis Seminar 4!
© 2026 HTW Berlin · Masterseminar IKT