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Seminar 2

Wissenschaftliches Arbeiten — was es wirklich heißt

Masterseminar IKT
Prof. Dr. Alexandra Mikityuk
HTW Berlin

Niveau · Themenwahl · Forschungsfrage · Umfang

Rückblick — eure Stimme zählt

Letztes Mal habt ihr in der Reflexions-Übung sehr klar gesagt, was ihr aus diesem Seminar braucht — und was nicht.

Die meisten von euch arbeiten schon in der Industrie, sind dort gut aufgehoben und brauchen keine Karriere-Workshops. Was ihr braucht, ist Hilfe beim eigentlichen wissenschaftlichen Arbeiten — das ist neu, ungewohnt und das, woran die Masterarbeit am Ende gemessen wird.

Konsequenz: Wir bauen die Seminare 2 bis 6 komplett um — weg von Karriere, hin zu echter Schreib- und Denk-Werkstatt für eure Masterarbeit. Heute legen wir das Fundament.

Themen heute

Teil 1 — Niveau verstehen

  • Was ist Wissenschaftliches Arbeiten wirklich?
  • Master vs. Bachelor — die drei Sprünge
  • Master vs. Top-Paper — der Unterschied im Anspruch

Teil 2 — Praktischer Einstieg

  • Themenwahl — woher kommt mein Thema?
  • Forschungsfrage — das Herz der Arbeit
  • Umfang — was gehört NICHT rein
Format heute: Seminar mit zwei eingebauten Eigenarbeit-Phasen. Bringt Stift und Papier mit — das machen wir nicht nur theoretisch.

📅 Das Programm — alle 6 Seminare im Überblick

So sieht der Bogen über die nächsten Wochen aus. Heute sind wir in Seminar 2.

1

Wissenschaftliches Arbeiten — Einführung · abgeschlossen ✓

Erste Begegnung · Reflexions-Übung zu euren Erwartungen

2

Niveau & Forschungsfrage heute

Master vs. Bachelor vs. Top-Paper · Themenwahl · Forschungsfrage · Umfang

3

Time-Management & Industrie-Spagat

Realistischer Zeitplan · Praktikum + Masterarbeit balancieren · Meilensteine

4

Struktur, LaTeX & Literaturmanagement

Aufbau einer Masterarbeit · LaTeX einrichten · Zotero / Mendeley

5

Schreiben lernen — von der Schreibblockade zur ersten Seite

Wie startet man wirklich · Schreibblockade lösen · frische Schreibtipps · Eigenarbeit

6

Software-IP & Abschluss

Open-Source-Lizenzen · Code in der Masterarbeit zitieren · Q&A + Reflexion

Gemeinsamer Faden: jedes Seminar baut auf dem vorigen auf — von der Forschungsfrage über Zeitplanung und Struktur bis zum eigentlichen Schreiben.

Was ist Wissenschaftliches Arbeiten wirklich?

Es ist strukturiertes Erkenntnisgewinnen — eine Frage stellen, sie systematisch untersuchen, und ehrlich aufschreiben, was man herausgefunden hat.

1. Nachvollziehbar

Jeder Schritt der Argumentation ist offen. Niemand muss raten, wie ihr zum Ergebnis kamt.

2. Ehrlich

Limitationen, Probleme, gegenteilige Befunde gehören rein — nicht versteckt.

3. Anschlussfähig

Die Arbeit knüpft an den Stand der Forschung an — und nimmt eigene Position dazu.

Wichtig: es geht nicht um „möglichst viel zitieren" oder „möglichst kompliziert klingen". Es geht um klares, ehrliches, gut begründetes Denken auf Papier.

Master vs. Bachelor — die drei Sprünge

Was unterscheidet eine Masterarbeit von einer Bachelorarbeit? Nicht die Seitenzahl.

Tiefe

Bachelor: ihr zeigt, dass ihr ein Fachgebiet beherrscht.

Master: ihr taucht in einen Spezialaspekt so tief ein, dass ihr eigene Erkenntnisse erzeugt.

Selbständigkeit

Bachelor: Vorgaben, klare Aufgabe.

Master: ihr definiert die Frage selbst, plant die Methode, wählt die Tools.

Methodik

Bachelor: Anwendung bekannter Methoden.

Master: Reflexion warum diese Methode — und ehrliche Diskussion ihrer Grenzen.

Take-away: ein guter Master ist nicht „ein dickerer Bachelor" — er ist eine andere Tätigkeit. Vom Reproduzieren zum Produzieren.

Master vs. Top-Paper — der Unterschied im Anspruch

Aufpassen — eure Masterarbeit muss nicht ein Nature-Paper sein. Das ist eine andere Liga.

📰 Top-Paper (z.B. Nature, IEEE)

  • 8-15 Seiten extrem dichtes Neuwissen
  • Ein neues Verfahren, eine neue Theorie, ein neuer Datensatz
  • 2-3 Jahre Forschungsarbeit eines Teams
  • Peer-Review von Top-Forschern weltweit

🎓 Eure Masterarbeit

  • 60-90 Seiten solide eigene Arbeit
  • Ein klar abgegrenzter Aspekt, sauber untersucht
  • 3-6 Monate, eine Person
  • Bewertet von zwei Profs der Hochschule
Was das heißt: ihr braucht keine Welt-Sensation. Ihr braucht eine ehrliche, gut strukturierte, methodisch saubere Untersuchung einer fokussierten Frage. Solide ist das Ziel — nicht spektakulär.

Was wird wirklich erwartet?

Vier Säulen — wenn die stehen, ist die Arbeit gut.

SäuleWas heißt das konkret?
1. Klar formulierte FrageEine einzige, präzise, beantwortbare Forschungsfrage. Nicht mehrere parallel.
2. Saubere MethodikIhr erklärt, wie ihr die Frage untersucht — und warum genau diese Methode.
3. Eigene Beobachtung & AnalyseDaten erheben, auswerten, interpretieren — nicht nur zusammenfassen, was andere gesagt haben.
4. Ehrliche ReflexionWas hat funktioniert, was nicht, wo sind die Limitationen, was wäre der nächste Schritt?
Erinnerung: kein Punkt davon verlangt „etwas Welt-Erschütterndes". Alle vier Punkte verlangen Klarheit und Ehrlichkeit. Das ist machbar.
⏱️ 10 Minuten · still & für euch

🪞 Eigenarbeit 1: Auf welchem Sprung stehe ich am wackeligsten?

Erinnert euch an die drei Sprünge: Tiefe · Selbständigkeit · Methodik. Schreibt für euch auf:

  1. Welcher der drei Sprünge wird mir am leichtesten fallen — und warum?
  2. Welcher wird mir am meisten Bauchschmerzen machen — und warum?
  3. Wenn ich heute einen konkreten Tipp zu meinem wackeligsten Sprung mitnehmen könnte — welcher wäre das?

Niemand sieht das. Eure Antwort nehmt ihr in die nächste Übung mit.

💬 Pinnwand: euer wackeligster Sprung

5 Minuten — teilt es öffentlich im Chat oder schickt mir eine private Nachricht.

Postet eine kurze Notiz mit:

  • Mein wackeligster Sprung: Tiefe / Selbständigkeit / Methodik
  • Mein gewünschter Tipp dazu: (eine Zeile reicht)
Danach: ich greife 3-4 wiederkehrende Themen heraus und sage kurz, in welchem der nächsten Seminare wir's behandeln. So sieht jede:r: „meine Sorge wird adressiert."

Themenwahl — der erste echte Schritt

Das Thema bestimmt die nächsten 3-6 Monate eures Lebens. Wählt nicht das erste, das vorbeifliegt.

🏢 Aus dem Job

Ihr arbeitet schon in einer Firma — gibt es dort ein konkretes Problem? Daten, die nur ihr habt? Das ist Gold.

❤️ Aus eigenem Interesse

Was hat euch im Studium wirklich begeistert? Da fließt es leichter, wenn der Schreib-Tag mal zäh ist.

📋 Aus Prof-Vorschlägen

Manche Profs haben offene Themen — guter Weg, wenn ihr Methodik-Hilfe wollt und keine eigene Datenquelle habt.

Was macht ein gutes Thema aus?

Vier Tests — wenn alle vier durchgehen, ist das Thema reif:

✓ Konkret genug

Nicht „Sicherheit in IoT" — sondern „Sicherheit der Authentifizierung in Smart-Home-Hubs zwischen Hub und Cloud".

✓ Daten / Material vorhanden

Ihr braucht etwas, das ihr untersuchen könnt — Code, Logs, Interviews, Messungen.

✓ Persönliches Interesse

In Monat 4 wird's anstrengend. Ohne Interesse wird's sehr anstrengend.

✓ Umfang abschätzbar

In 3-6 Monaten machbar. Wenn ihr nicht ungefähr wisst, wie ihr's angehen würdet — Thema ist noch zu unscharf.

Die Forschungsfrage — das Herz der Arbeit

Eine gute Forschungsfrage:

  • ist eine Frage, nicht drei parallel
  • ist beantwortbar — mit den Daten, die ihr realistisch bekommen könnt
  • ist spezifisch genug, um in der gegebenen Zeit untersucht zu werden
  • ist offen genug, dass das Ergebnis nicht trivial ist
⚠️ Schlechte Beispiele:
  • „Wie funktioniert künstliche Intelligenz?" → zu breit, ganzes Buch nötig
  • „Ist Python besser als C?" → schlechte Frage (besser für was?)
  • „Was ist Sicherheit?" → ist eine Definition, keine Forschung
✓ Gute Beispiele:
  • „Welchen Einfluss hat die Wahl des Hashing-Verfahrens (bcrypt vs. argon2) auf die Performance eines Login-Systems mit ≥10.000 Nutzern?"
  • „Wie zuverlässig erkennt ein YOLO-v8-Modell auf Edge-Devices Verkehrsschilder bei Regen — verglichen mit dem Original-Datensatz?"
  • „Welche Anti-Patterns finden sich häufig in MCP-Server-Implementierungen aus dem npm-Registry?"

Vom Thema zur Forschungsfrage — ein Template

Wenn ihr ein Thema habt, hilft folgendes Muster, eine Forschungsfrage daraus zu schmieden:

„Welchen Einfluss hat X auf Y — gemessen an Z — im Kontext K?"

Beispiel 1

X: Wahl des Hash-Verfahrens (bcrypt / argon2)

Y: Login-Performance

Z: 95-Perzentil Latenz

K: Web-App mit ≥10.000 Nutzern

Beispiel 2

X: Code-Generierung mit LLM

Y: Code-Qualität

Z: Anzahl Linter-Fehler + Bug-Reports

K: Backend-Code in Java

📚 Hausaufgabe 1 · bis Seminar 3

🛠️ Themen-Brainstorming (zu Hause)

Locker, kein Druck — Brainstorming-Modus. Nehmt euch in den nächsten Tagen ca. 30-45 Minuten Zeit und schreibt:

  1. Domäne — in welchem Bereich bewegt ihr euch beruflich oder im Studium?
  2. Konkrete Probleme — welche 2-3 Probleme aus der Domäne fallen euch ein?
  3. Pickt eines aus und füllt das Template:
    „Welchen Einfluss hat X auf Y — gemessen an Z — im Kontext K?"
  4. Mindestens drei verschiedene mögliche Forschungsfragen aufschreiben — sucht euch später die beste aus

Das ist eine Skizze, kein endgültiges Thema. Ihr dürft alles wieder verwerfen.

👯 Hausaufgabe 2 · bis Seminar 3

🎙️ Peer-Review: teilt eure Fragen mit eine:m Kommiliton:in

Sucht euch eine:n Kommiliton:in aus der Gruppe (Chat/Slack/WhatsApp) und tauscht eure drei Forschungsfragen aus.

Stellt euch gegenseitig zu jeder Frage die drei Tests:

  • Ist sie spezifisch? Oder noch zu breit?
  • Hast du Daten / Material, um sie zu beantworten?
  • In 4 Monaten machbar?

Notiert die Antworten — bringt sie zu Seminar 3 mit.

Wenn ihr niemanden findet: postet eure Frage in der Kurs-Gruppe und bittet um Feedback. Oder schickt sie mir per E-Mail — ich gebe Rückmeldung.

Warum mit Kommiliton:in: ein zweites Paar Augen entdeckt sofort, was unklar ist. Erklären zu müssen schärft die eigene Frage. Und: ihr habt ab jetzt eine:n „Sparring-Partner:in" für die nächsten Seminare.

Umfang limitieren — die wichtigste Disziplin

Die häufigste Falle bei Masterarbeiten: man will zu viel. Was anfangs nach „eine schöne Arbeit über Sicherheit" klingt, wird zu drei Forschungsfragen, vier Methoden, sieben Datensätzen — und ist nach 4 Monaten nicht fertig.

⚠️ Was rauskommt, wenn ihr zu viel wollt

  • Jeder Aspekt nur oberflächlich behandelt
  • Methodik wird unscharf
  • Ihr werdet panisch in Monat 5
  • Notenabzug wegen „zu viel gewollt, zu wenig erreicht"

Was rauskommt, wenn ihr fokussiert bleibt

  • Eine Frage, sauber beantwortet
  • Methodik glasklar
  • Ihr habt Zeit für sauberes Schreiben
  • Bestnote möglich, weil Anspruch + Lieferung passen
Goldene Regel: 1 Forschungsfrage · 1 Methode · 1 Datensatz · 1 sauber durchgeführte Analyse. Alles andere kommt in den Ausblick („Limitations & Future Work").

📚 Eure Hausaufgaben bis Seminar 3

Was bis nächstes Mal vorzubereiten ist

  1. Themen-Brainstorming (siehe Hausaufgabe 1) — Domäne, 2-3 konkrete Probleme, mind. 3 Forschungsfragen im X-Y-Z-K-Format
  2. Peer-Review (siehe Hausaufgabe 2) — Forschungsfragen mit eine:m Kommiliton:in austauschen + die 3 Tests gegenseitig anwenden
  3. 5 erste Quellen zu eurem Thema sammeln — Papers, Bücher, technische Doku
  4. Zeitplan-Skizze — wann habt ihr realistisch Zeit für die Masterarbeit? Welche Verpflichtungen blockieren wann?
Kein Druck: es ist okay, wenn ihr noch keine endgültige Entscheidung getroffen habt. Wichtiger ist, dass ihr begonnen habt zu denken.

Was kommt in den nächsten Seminaren?

🗓️ Seminar 3

Time-Management & der Industrie-Spagat

Wie balanciert ihr Praktikum/Job mit der Masterarbeit? Wann fängt man an, wie verteilt man die Arbeit?

🛠️ Seminar 4

Struktur, LaTeX & Literaturmanagement

Aufbau einer Masterarbeit. LaTeX einrichten. Zotero / Mendeley für die Quellen.

✍️ Seminar 5

Schreiben lernen — von der Schreibblockade zur ersten Seite

Wie startet man wirklich? Frische Tipps gegen den weißen Bildschirm.

⚖️ Seminar 6

Software-IP & Abschluss

Open-Source-Lizenzen, Code in der Masterarbeit, Wrap-up.

Take-aways aus heute

  • Wissenschaftliches Arbeiten = strukturiertes, ehrliches Erkenntnisgewinnen — nicht „möglichst kompliziert klingen".
  • Master vs. Bachelor = drei Sprünge: Tiefe · Selbständigkeit · Methodik.
  • Master ≠ Top-Paper. Solide ist das Ziel, nicht Welt-Sensation.
  • Eine gute Forschungsfrage ist spezifisch, beantwortbar, in der Zeit machbar.
  • Die wichtigste Disziplin: Umfang limitieren — eine Frage, sauber beantwortet.

Fragen?

Dann: bringt nächste Woche eure Forschungsfrage mit — und einen ersten Zeitplan-Entwurf.

Prof. Dr. Alexandra Mikityuk
HTW Berlin · Büro Raum 308
Schreibt mir gerne mit eurem Themen-Entwurf!

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